Im Land der Co(r)vids

"Die Welt, in der ich lebe, ist verrückt. Vor zwei, drei Jahren hättest du jeden fragen können. Niemand hätte zugegeben sie zu kennen. Auf einmal kennt sie aber jeder und mittlerweile streben sie sogar die Weltherrschaft an. Winzige leblose Proteinklumpen, die allerdings ihr Erbgut bei sich tragen. Die haben vielleicht ein 'Leben'. Gleiten fast schwerelos durch die Luft, warten einfach nur darauf bis irgend jemand sie ansaugt und später dann beginnt sie zu reproduzieren. Genug Gönner, die sich unbewusst dafür einspannen lassen, gibt es ja ... unter den 'Zweibeinern'. Selbstlos arbeiten die in ihren Zellen den Bauplan dieser Proteinklumpen ab und schaffen so immer wieder neue, völlig egal, was den 'Zweibeiner' das selber kosten mag. Wenn ich die Wanderschuhe und den Rucksack hätte an den Nagel hängen wollen, wäre wohl jetzt der allerbeste Zeitpunkt dafür. Doch wann, wenn nicht gerade jetzt, würde ich entdecken können, wie sich meine kleine Welt, die ich ja jedes Mal beim Wandern betrete, unter den kleinen Invasoren verändert hat. Eine Art Selbstversuch, bei dem ich wohl oder übel herausfinden werde, ob die Impfung, die man mir vor über einem Monat verabreicht hatte, die versprochene Wirkung tatsächlich schon entfaltet hat. Auf die ersten Pendler treffe ich früh - im Zug, der mich nach Leipzig bringen soll. Bislang waren Pendler für mich immer so etwas wie die wahren Helden in der Pandemie. Jeden (Arbeits-)Tag stehen sie an vorderster Front. Die meisten von ihnen sind mittlerweile hart im Nehmen. Vor den kleinen unsichtbaren Invasoren fürchten sie sich kaum. Schlaff rutscht vielen von ihnen die Maske einfach von der Nase ... immer dann, wenn sie denken, dass keiner guckt. Das zeigt mir zumindest, dass sie es sich mit dem Schaffner nicht verscherzen wollen. Dagegen bin ich ein echter Angsthase - getraue mich während der Fahrt nicht einmal in mein Frühstücksbrot zu beißen. Später, als es draußen heller und der Zug voller wird, werden alle Pendler zu Angsthasen. So fühle ich mich sichtlich wohler. In Leipzig steige ich um in einen echten ICE. Ich liebe es, ICE zu fahren. Sanft gleitet er über das Land, ohne dass ich etwas von der Geschwindigkeit bemerkte. Nur daran, dass die Autos auf den Landstraßen kaum mehr voran zu kommen scheinen, kann ich die Geschwindigkeit erahnen. Ich genieße es, die Augen zu schließen, vor mich hin zu dösen und ab und an einen müden Blick aus dem Fenster hinaus zu werfen. Fast bedaure ich, mir in ein paar Stunden schon wieder jeden Meter hart erarbeiten zu müssen.

Tag 1 Schlafen in einem richtigen Bett; Würzburg - Karlstadt, 29 Kilometer.

Pünktlich mit meiner Ankunft in Würzburg kommt die Sonne hinter den Wolken hervor geblinzelt. Anfangs ist sie noch etwas scheu - später zeigt sie sich dann öfter. Ich frohlocke. Genau so hatte ich das beim Reiseveranstalter gebucht. Dass die Stadt jedoch immer noch aus allen Nähten platzt, hatte mir keiner gesagt. Dafür entdecke ich erstaunlich viele Masken. Im Freien tragen sie nur wenige - dafür aber in den Läden. Das beruhigt mich. Trotzdem beschließe ich, die Stadt so schnell wie möglich zu verlassen - am westlichen Ufer des Mains.

Mainufer - bei Margetshöchheim
Als das Wasser des Flusses - es ist grünlich grau und ziemlich aufgewühlt ... vermutlich vom Regen der letzten Tage - das erste Mal in meine Reichweite kommt, bekomme ich Nilgänse zu Gesicht. Ich erkenne sie an ihrem Gefieder und an den dunklen Ringen rund um die Augen. Mit einem Mal werde ich ruhig und bin augenblicklich im Urlaub angekommen. Anfangs nutze ich den Mainradweg. Irgendwann entdecke ich jedoch einen alten Bekannten. Den Fränkischen Marienweg. Natürlich kann ich es mir nicht verkneifen, ihm auf einen der Hügel am Wegesrand zu folgen. Der Schweiß läuft dabei in Strömen. Der Weg entpuppt sich als hervorragender Fremdenführer. Er zeigt mir die nicht mehr vorhandenen Reste der Burg Falkenberg und eine winzig kleine 'Käpelle' mit dem Namen Maria Hilf.

Kapelle - Maria Hilf
Auf dem Rückweg zum Main werde ich über Streuobstwiesen geführt. Natürlich kann ich der Versuchung nicht widerstehen. Aber sowohl der Apfel, den ich mir stibitzt habe, wie auch die Pflaume, sind noch nicht ganz reif. Da werde ich wohl noch etwas warten müssen. Zwischen Retzbach und Himmelstadt begehe ich einen alten Treidler-Pfad. Nur stehen die Bäume zwischen dem Weg und dem Main mittlerweile so hoch, dass man sich das Treideln heute gar nicht mehr vorstellen kann. Apropos Himmelstadt: Die haben dort auch so ein kleines Weihnachtspostamt. Das wohl einzige in Bayern. Manchmal geben die sogar eigene Briefmarken heraus. Insgesamt muss ich am Ende des Tages feststellen, dass mich der Main und wie er sich hier gibt doch sehr an den Rhein erinnert. Nur eben eine Nummer kleiner. Der Fluss an sich, wie auch die Hügel an seinen Ufern. Das war ein anstrengender aber auch gelungener erster Tag. Böse Zungen könnten behaupten, ich gehe bloß wandern, um für ein paar Wochen in den Genuss zu kommen, mal wieder in einem richtigen Bett schlafen zu können.
Und wer weiß, vielleicht ist da ja sogar etwas dran ..."