Vor der eigenen Haustür - in und um Brandenburg...Tag 10 Eine alte Bekannte - die Elbe; Kyritz - Sandau, 39 Kilometer. "Beim Verlassen der Stadt trifft der Landstreicher auf eine Packstation. Und plötzlich - seine Gedanken überschlagen sich. Wenn er sich dort einfach nur hinsetzen würde mit einem Zettel - seiner Anschrift - auf der Stirn und hartnäckig genug warten würde ... Vielleicht kommt ja irgendwann einmal jemand vorbei, der ein Herz hat und ihn mitnimmt. Ja, hartnäckig genug müsste er wohl sein. Er versucht sich vorzustellen, wie das wohl wäre, in so einem Paket-Auto durch die Gegend zu rumpeln. Zusammen mit vielen anderen Paketen. Wo die wohl alle hin gefahren würden? Schon jetzt ist er ganz neugierig darauf. Und wer weiß, wenn sie ihn in diesem Paket-Auto einfach eine Zeit lang vergessen würden - vielleicht hätte er dann schon die halbe Welt gesehen, bevor er zu Hause abgeliefert wird. Und müsste sich dafür nicht einmal bewegen.
Aus Kyritz heraus nutzt er den Pilgerweg Berlin - Bad Wilsnach für ungefähr ein Dutzend Kilometer.. Die Pilgerreisenden scheinen auf der Stein-im-Brett-Skala bei den Menschen hier ganz weit oben zu rangieren. Der Landstreicher erkennt das daran, dass die Wegweiser für diesen Weg grundsätzlich eine Nummer größer ausfallen und an jeder entscheidenden Weggabelung zu finden sind. Führt der Weg einmal über ein Stück Wiese oder zwischen zwei Baumreihen entlang, so ist das Gras auf einem Meter Breite schön kurz gehalten. Natürlich genießt auch der Landstreicher diese Vorzüge. Schließlich ist er ja seit Tagen schon darauf bedacht, die halbwunden Schuhe zu schonen, sie also auch nicht mehr als unbedingt notwendig zu durchfeuchten. Auf den Maisfeldern bei Berlitt wird an diesem Morgen geackert was das Zeug hält. Lautstark erntet ein Häcksler die Maispflanzen, die er dann klein geschreddert auf einen nebenher fahrenden Hänger bläst. Im hohen Bogen. Reihe um Reihe kämpft er sich langsam durch das Feld rechts neben dem Weg des Landstreichers. Der Landstreicher fragt sich: Futtermittel oder Energieerzeugung? Als der Landstreicher die 900-Seelen-Gemeinde Breddin passiert, staunt er nicht schlecht. Er kommt an einem leerstehenden Haus vorbei, an dem der Zahn der Zeit nicht ganz spurlos vorüber gegangen ist. Von der Größe her - wie ein Einfamilienhaus. Der Schriftzug "HO Textilien HO“ ist aber noch deutlich zu erkennen. Erinnerungen werden wach. Fast schon bildlich stellt er sich vor, wie die Regale dort - früher einmal - gefüllt ausgesehen haben mögen. Für ein Dorf dieser Größe ist es ganz passabel ausgestattet. Selbst ein Lebensmittelladen ist vorhanden. Ein richtiges Mittagessen bekommt der Landstreicher aber nicht. Die Gaststätte Fritz - "bleibt weiterhin geschlossen". Was auch immer das heißen mag. Die Bäckerei Schultze und das Grill Center Breddin haben
Doch es wird auch ein harter Tag - an dem der Landstreicher merkt, dass er sich eben nicht mehr alles merken kann. Die Strecke von Havelberg nach Sandau, die sollte er eigentlich schon kennen - von einer früheren Wanderung. Doch daran fehlt ihm jegliche Erinnerung. Kein markanter Punkt, den er in seinem Hirn gegriffen kriegt. Dann der Schock. Die Elbfähre in Sandau ist verschwunden - einfach weg - zur Revision. Glück für den Landstreicher. Das kürzt seinen Tag erheblich ab. Ein Quartier in Sandau ist ziemlich schnell gefunden ..." |