Fast ziellos durch das Land

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Tag 27 Schlannschlacht; Ehrenbreitstein - Lahnstein, 19 Kilometer.

Am Abend zuvor schaut es noch nach einer entspannten Schlussetappe aus. Gerade einmal sieben Kilometer - Luftlinie - sind es noch bis zu meinem Ziel. Nicht Lahnstein selbst möchte ich erreichen, sondern eine Weggabelung östlich vom Ort, an der ich den Rheinsteig auf meiner 2013-er Wanderung in Richtung Lahn verlassen hatte. Schon als ich zum Frühstück hinaus auf den Hof der Festung sehe, weiß ich, die Natur bietet noch einmal alles auf, um auch meinem letzten Wandertag spannend zu gestalten. Die Pflastersteine auf dem Hof der Festung sind glänzend nass. Dass es nachts geregnet hat, habe ich gar nicht mitbekommen - zu weit sind die Fenster der Festung nach innen gerückt.

Gut, also wird der Rucksack wasserdicht eingepack und der Schirm aufgespannt. Bereits der erste Weg des Tages hoch oben von der Festung Ehrenbreitstein bis an das Ufer des Rheins lässt mich ahnen, was mich auf den schmalen und steilen Wegen im Wald erwarten wird. Doch der Weg ist nicht verhandelbar - der Rheinsteig soll es sein, so wie er im "Reiseprospekt" meiner Wanderung steht, kein anderer. Was als leichter Nieselregen begonnen hat, wird, während ich Koblenz langsam hinter mir zurück lasse, immer stärker. Eigentlich wollte ich ja noch am Morgen ein Panoramabild von Koblenz schießen. Bei strahlend blauem Himmel. Mit Gebäuden, Brücken, Autos, Menschen, Schienen, Schiffen und Schleppern - alle so klein wie auf der Modelleisenbahnanlage. Aber der Blick nach oben verheißt nach wie vor nichts gutes. Alles ist eine trübe graue Suppe, in der sich kaum Wolken abzeichnen. Die Erfahrung sagt mir, dass bei diesem Wetterbild kaum mit schneller Besserung zu rechnen ist. Doch ich will es wenigstens versuchen. Möchte diesen, meinen Weg, zu Ende gehen. Während ich genau diesem Gedanken nachhänge, werde ich erneut wach gerüttelt. Auf einem der Wegweiser lese ich: Lahnstein - 17 Kilometer. Das finde ich heftig. Aber es könnte passen. Schließlich schlängelt sich der Rheinsteig bis Lahnstein ganz schön über die Berge. Die Wege sind feucht aber niemals geflutet. So komme ich selbst an den steilen Abwärtspassagen stets sicher an mein Ziel. Zwischendurch hört es - wie durch ein Wunder - immer mal wieder ganz zu regnen auf.

Hunsrückblick
Einmal komme ich an so einem selbst gebauten, hölzernen Liegestuhl vorbei, dessen Latten noch völlig trocken sind. Seine Erbauer haben ihn ziemlich genial unter die Krone eines Baumes gesetzt. Ausgerichtet auf den Hunsrück. Diese Einladung zu einer kleinen Pause lasse ich mir natürlich nicht entgehen, krame mein Tagebuch heraus und schreibe ein wenig.. Dabei überlege ich, ob ich schon einmal über den Hunsrück gewandert bin. Kann mich aber beim allerbesten Willen nicht daran erinnern.

Dann komme ich an die Ruppertsklamm. Nicht nur der Rheinsteig, auch der Lahnwanderweg, schlängelt sich durch die Ruppertsklamm hindurch. Schon auf Wegweisern wurde sie mir lange im Voraus schmackhaft gemacht. Und auch Eike meinte ja noch in Köln zu mir, dass ich mir diese Klamm auf keinen Fall entgehen lassen darf. Der Einstieg ist völlig harmlos. Ein schmaler Weg neben einem kleinen Bach. Natürlich dauert es nicht lange, bis es anders kommt. Ganz anders. Spätestens zu diesem Zeitpunkt werden Erinnerungen wach. An ähnliche Wege, die ich jedoch bei trockenem Wetter beging. Aber zurück zur Ruppertsklamm. Je weiter ich die Klamm hinab steige, um so durchtänkter wird der Weg an seiner Seite. Anfangs gleicht nur der Rand des Weges einer Schlammrutsche. Später oft der ganze Weg. Zum Glück nieselt es nur noch, so dass ich den Schirm schließen kann und im Fall der Fälle beide Hände zur Verfügung habe. Zuweilen ist es unerlässlich die Seite zu wechseln. Das heißt, ich muss über den Bach, damit ich den (besseren) Weg auf der anderen Seite nutzen kann. Geht das über Steine, so bin ich froh. Auf denen finden die Sohlen meiner Schuhe wenigstens ein bisschen Halt. Liegen nur noch dicke Stöcke über den Bach, wird es ungleich schwieriger. Denn die fühlen sich meist schon schmierig an, wenn ich nur mit den Schuhen danach taste. Irgendwann gibt es gar keinen Weg mehr. Was anfangs komisch ausschaut, ist jedoch halb so schlimm. Denn das Wasser bedeckt jetzt gerade noch die Spitzen der Steine, die fast wie Schotter das Bett des Baches ausmachen. Irgendwann geht es dann so richtig steil nach unten. Ohne Weg. Fast schon hilflos schaue ich mich nach allen Seiten um, um einen Weg zu entdecken, der vom Bach weg führt. Auch auf meiner Karte, der elektronischen. Aber diesen Weg, den gibt es nicht. Ich muss da irgendwie runter. Klettern. Mit fünfzehn Kilogramm, die mich zusätzlich zu jedem Zeitpunkt von hinten schieben - meinem Rucksack - wird das mehr als spannend. Als ich noch einmal genau hin schaue, erkenne ich in den Fels eingelassene Stahlseile, ähnlich wie bei einem Klettersteig. An denen kann und muss ich mich Stück für Stück nach unten hangeln. Die runden, manchmal glibberigen Steine, auf die ich treten muss, bleiben. Wegrutschen möchte ich da lieber nicht. Zumal ich das Seil, das an manchen Stellen recht tief hängt, immer nur mit einer Hand greifen kann. Zuweilen endet das Stahlseil und ich muss wieder auf die andere Seite wechseln. Weil dort ein neues beginnt. Mir fällt ein Stein vom Herzen, als die Klamm nicht mehr ganz so steil nach unten abfällt und irgendwann wieder ein ganz normaler Weg beginnt ...

Damit bin ich dann auch schon fast am Ziel. Als ich die Lahn überquert habe, lasse ich den Rheinsteig, so wie er sich meistens zeigt, hinter mir zurück und trete ein in ein ganz anderes Paradies. Ein Urlaubsparadies. An der Lahn gibt es einen Hafen - nicht sehr groß - in dem kleine Jachten liegen. Auf dem Lahn-Radweg kommen mir nun Radler mit ihren eingepackten Rucksäcken und Fahrradtaschen entgegen. Später, bei meinem letzten Anstieg, blicke ich auf große Campingplätze direkt am Ufer der Lahn hinab. Und letztendlich, kurz bevor ich mein Ziel erreiche, gesellen sich noch der Limes-Weg und der Jakobsweg zu mir. So als wäre das ihre Art, um sich von mir zu verabschieden.

Nur wenige Meter bevor ich auf "meinen" 2013-er Weg treffe, stehen Rene und Björn, zwei Berliner Wanderer, am Wegesrand und sind gerade dabei sich (jeder) einen halben Liter Kaffee aufzubrühen. Mit einem Gaskocher. "Da komme ich ja genau zur rechten Zeit", sind die Worte, mit denen ich sie begrüße. Schnell kommen wir miteinander ins Gespräch. So erfahre ich, dass sie mit dem Zelt unterwegs sind. Auch auf dem Rheinsteig. Von Koblenz aus. Ihr Ziel für die nächsten Tage ist es , Bingen zu erreichen. Nachdem ich den Beiden meine Geschichte erzählt habe, lasse ich sie mit ihrem Kaffee allein.

Um mein Ziel zu finden.

Auf dem Weg in den Ort - Lahnstein - saue ich zum ersten Mal während meiner diesjährigen Wanderung so richtig ein. Auf einem selbst ausgesuchten Weg über eine Wiese mit hohem Gras. Zu dem Wasser von oben - das macht mir eigentlich nichts aus, denn ich habe ja den Schirm - kommen die unzähligen kleinen Tropfen, die an den Grashalmen hängen und sich nun auf meine Hosenbeine und in die Schuhe ergießen. Eigentlich sind das ja immer nur ganz ganz kurze Wegstücke durch das hohe Gras. In ihrer Gesamtheit ergeben sie jedoch ein ziemlich gutes Bad.
Allerhöchste Zeit zum Trocknen. Und um Abschied zu nehmen, vom Rhein, von den Geräuschen hier, den Schleppern - die ich manchmal schon nachts zu hören glaubte, den Ausflugsschiffen, dem Geräusch der Züge und natürlich von den wohltuenden Klängen der Natur. All das kann ich von meinem Zimmer aus tun mit dem direkten Blick auf den Rhein. Und auf den Bahnhof. Von dem aus ich morgen in mein gewohntes Leben zurückkehren werde.