Auf und Ab

...

Tag 6 und die einfache Schönheit der Saar; Dreisbach-Mettlach - Trier, 49 km.

Die Vorzeichen stehen ungünstig. Das ist einer jener Tage, an denen mir - schon vor dem Morgen - graut. Bereits vor dem Schlafengehen hatte ich mir eine mögliche Strecke für diesen Tag ausgeguckt - immer an der Saar entlang. Wollte ich tags darauf mit dem Eifelsteig beginnen, müsste ich bis zum Abend Trier erreichen. Geschätzt sind das gut und gerne 50 Kilometer. Auch der Regen, der im Verlauf der Nacht immer wieder auf sich aufmerksam macht, trägt nicht wesentlich zur Verbesserung meiner Stimmung bei. Als ich die Jugendherberge verlasse, rechne ich mit einem Regentag. Der Herbergsvater gibt mir noch den Tipp mit auf den Weg, ich müsse mir unbedingt die Saarschleife von oben - vom berühmten Aussichtspunkt aus - anschauen. Doch zunächst geht es bergab und zurück an die Saar. Und weil ich an ihrem Ufer im dichten Nebel gerade einmal die Hälfte des Hanges ausmachen kann, an dem ich den Aussichtspunkt vermute, rät mir die innere Stimme der Vernunft - bei dem vor mir liegenden Tagespensum - bloß nicht zusätzlich noch einen Umweg in Kauf zu nehmen. Und schon gar nicht, wenn oben am Aussichtspunkt kaum Nah-Sicht zu erwarten ist. Doch wie so oft kraxle ich kurz darauf fest entschlossen, dafür völlig entgegen jeglicher Logik - und am Ende vor Schweiß triefend - den Hang hinauf. Um dann oben am Aussichtspunkt festzustellen, dass überhaupt nichts zu sehen ist. Doch anders als erwartet, versperrt mir zunächst eine gesellige Gruppe alter Herren die Sicht. Den Zwanzigern - wie sie sich nennen - scheint die Aussicht nicht ganz so wichtig zu sein. Am Rande der Aussichtsplattform haben sie sich einem Schutzschild gleich in einer Reihe aufgestellt - mit dem Rücken zum Tal. Gespannt sind ihre Blicke auf einen einzeln stehenden Mann gerichtet. Nach und nach präsentiert er eine ganze Reihe Brände, die ihrerseits schon ungeduldig darauf zu warten scheinen, ihrem Namen mehr als gerecht zu werden - in dem Augenblick, in dem sie durch die durstigen Kehlen der Zwanziger rinnen werden.

Saarschleife
Als ich es geschafft habe, mich zum Geländer der Aussichtsplattform durchzuarbeiten, erwartet mich einer jener grandiosen Ausblicke, an die ich mich mit Sicherheit noch lange erinnern werde. Vergleichbar vielleicht mit dem Anblick der Twelve Apostels, für den ich damals jedoch erst mit dem Flugzeug bis ans andere Ende der Welt reisen musste - falls man derartige Momente des Empfindens überhaupt miteinander vergleichen kann. Denn erst in ihrer Abfolge - in der jeder dieser Momente (auch die unangenehmen) seinen festen Platz inne hat - machen sie Sinn und gleichzeitig jeden von uns zu etwas Einzigartigem. Doch zurück zur Saar: Fast unwirklich lichten sich die Nebelschwaden für wenige Minuten und umgeben das, was vor mir liegt, mit einer Art mystischem Schleier, geben so den Blick frei auf die Saar, die zu meinen Füßen unten im Tal gerade ihre Kehrtwende macht. Dafür haben sich die Strapazen des mühsamen Aufstiegs allemal gelohnt. Das gibt mir Kraft. Und nur wenige Augenblicke nachdem ich eines der obligatorischen Erinnerungsfotos geschossen habe, ist die Saar wieder hinter einer weißen Wand verschwunden ...