Der Landstreicherkeep going - step by stepNun ist es wieder soweit. Seit der Wandertour im letzten Jahr ist einige Zeit ins Land gegangen und es sind Dinge passiert, die mich eigentlich hätten davon abhalten sollen, an eine ähnliche Tour jetzt auch nur zu denken. Aber von all dem will ich nichts wissen. Schließlich wartet die nächste Herausforderung gerade jetzt darauf, angepackt zu werden. Die Tour soll etwa drei Wochen dauern - das Reiseziel habe ich erst in allerletzter Minute festgesetzt. Da mir wiederholt von der Schönheit des Thüringer Landes, speziell von der des Rennsteiges berichtet wurde, soll es dieses Mal eine Überquerung des Rennsteiges werden. Damit es nicht gar so einfach wird, will ich den Beginn des Rennsteigs, Blankenstein, von Cottbus aus zu Fuß erreichen. So kann ich die hügelige Landschaft Sachsens, die schon seit längerem auf meinem Wunschzettel steht, gleich mit durchwandern. Was mir Kopfweh bereitet, ist das Wetter. Fast der gesamte Sommer 2008 war verregnet, selten gab es auch nur drei zusammenhängend schöne Tage. Das hatte sich natürlich auch in der Woche vor Beginn meiner Wanderung nicht geändert.07.09.2008 Sonntag, geplanter Reisebeginn Endlich ist der Tag gekommen, an dem es losgehen soll. Als ich sehr früh von einem nicht zu überhörenden Regenschauer geweckt werde, fällt mir sofort ein, dass ich mir die Route für die geplante Tour ja noch nicht einmal grob angesehen habe, auch die ungefähren Orte für die Übernachtungen stehen noch nicht fest. Ein rettender Gedanke schießt mir durch den Kopf: "Ganz klar, das muss heut auf jeden Fall noch gemacht werden." Kurzerhand verschiebe den Start der Tour also auf Montag: "Montag soll ja sowieso viel besseres Wetter werden." So fällt mein erster Wandertag buchstäblich ins Wasser. Dafür habe ich die Möglichkeit, mir schon vorab eine Route auszutüfteln, die den ein oder anderen "offiziellen" Wanderweg mit einbezieht. Gedanken wie: "Was, wenn es morgen wieder regnet?", ersticke ich im Keim, denn schließlich bin ich ja ein ausgesprochen optimistischer Schönwetter-Wanderer. 08.09.2008 Cottbus - Senftenberg (46,5 km) Obwohl es nachts noch geregnet hat, liegt ein angenehmer Morgen vor mir. Eine dünne Wolkenschicht bedeckt den Himmel, es ist trocken und nicht allzu warm. Als ich meine Mietwohnung verlasse, kämpfe ich mit mir: "Über 40 Kilometer habe ich mir für den ersten Tag vorgenommen, da muss es doch erlaubt sein, wenigstens das erste Stück - nur die paar Kilometer durch Cottbus hindurch - mit der Straßenbahn zurückzulegen. Später, wenn sich der Tag erst in die Länge zieht, werde ich die Chance dann nicht mehr haben." Trotz diesem verlockenden Angebot bleibe ich hart, "eine Wandertour ist nun mal eine Wandertour." Auf meinem Weg durch Cottbus bin ich nicht allein, das Getöse des allmorgendlichen Berufsverkehrs begleitet mich durch die Stadt. Bei jedem Atemzug füllt sich meine Lunge tief mit den Abgasen der Blechlawine. Je weiter ich später das hektische Treiben der bereits zum Leben erwachten Großstadt hinter mir lasse, desto mehr wird mir bewusst, dass es an der Zeit ist, mich auf (m)eine "neue Welt" einzustellen. Eine Welt, die jetzt voller Überraschungen vor mir liegt. Ich werde jegliche Last von mir abfallen lassen, werde den aufreibenden Kleinkrieg gegen die alltäglichen Verpflichtungen eintauschen gegen die Freiheit. Eine Freiheit die bedeutet, dass ich mich nur um die augenblicklich wichtigen Sachen sorgen muss - um etwas zu Essen und um einen Schlafplatz. Eine Freiheit die mir erlaubt, offen zu sein, offen für alles was um mich herum geschieht. Eine Freiheit, die mir die Möglichkeit gibt Dinge zu entdecken, die zwar offen vor mir liegen, die für mich aber allzu oft dennoch im Verborgenen bleiben. Und das nur weil ich in der Welt, die ich gerade verlasse, einfach keine Zeit mehr dafür haben will. In diesem Sinn verstehe ich auch den Rat, den mir ein guter Freund, Ronald, mit auf den Weg gegeben hat: "Denke immer daran, der Weg ist das Ziel." Und mein Weg ist weit. So weit, dass ich selbst Zweifel habe, den Endpunkt meiner Wanderung in den drei Urlaubswochen tatsächlich erreichen zu können. Langsam aber stetig, Schritt für Schritt - immer weiter -, werde ich einen Fuß vor den anderen setzen und ich werde versuchen mein Zeil nicht aus den Augen zu verlieren.
Der eigentliche Grund dafür, dass ich die alte Bundesstraße benutze, ist der Lacoma-Schriftzug, der aus sperrigen, verrosteten Metallteilen etwa 100 Meter abseits der Straße aufgebaut ist. Ich nutze die Gelegenheit, ein lange geplantes Foto davon zu schießen. Als ich wenige Kilometer weiter den Ortseingang von Drebkau erreiche, wird mir bewusst, dass Wandersleute hier nicht zum alltäglichen Erscheinungsbild gehören. Ein halbes Dutzend bunt zusammen gewürfelter, mit leichten Gartengeräten bewaffneter Leute haben scheinbar extra für meine Ankunft eine Arbeitspause eingelegt. Mir ist unwohl, da sie mich wie einen Aussätzigen mustern und anfangen sich leise miteinander zu unterhalten. Plötzlich, als ich sie freundlich grüße, verstummen sie. Einige von ihnen grüßen sogar zurück. Am Markt komme ich direkt an der Stadtkirche vorbei. Die steinerne Kirche wurde 1809 erbaut und kann sich echt sehen lassen. Die Stimmung, die ich empfinde, wird jedoch von lautstarken Aufräumarbeiten getrübt, die noch an das dritte Drebkauer Brunnenfest erinnern, das hier am Wochenende zuvor stattfand. Bei einem Blick auf die Karte registriere ich erleichtert, dass bereits mehr als ein Drittel der heutigen Strecke bis Senftenberg geschafft ist. Erleichtert bin ich deshalb, weil ich mich zu diesem Zeitpunkt noch ausgesprochen fit fühle. Aus Drebkau heraus, gelange ich über Raakow auf einen Radweg, der direkt neben der Bahntrasse für die Bahnverbindung Cottbus-Senftenberg verläuft. Bei Domsdorf weckt ein nicht ganz gewöhnlicher Anblick mein Interesse. Ein schon fertig gestellter Teil der zukünftigen Ortsumgehung für Drebkau endet direkt auf einer Brücke - einer Brücke, die über die Bahntrasse führt an der ich entlang laufe. Abrupt verschmilzt das zweite Ende dieser Brücke mit einem nicht bestellten Feld. Dieser Anblick wird zum Sinnbild für mich. Zum Sinnbild dafür, wie die unberührte Natur langsam aber unaufhaltsam von der fortschreitenden Zivilisation aufgefressen wird. Verglichen mit einem Menschenleben befinde ich mich einen winzigen Moment lang auf der Gegenspur. Für einen Moment, der im Augenblick wie eine Ewigkeit vor mir liegt, versuche ich vor der Zivilisation zu fliehen. ... |